Schäuble und die Kampfhubschrauber

Zuerst wie immer ein Nachtrag: Ein guter Freund aus meinen Jugendtagen (an dieser Stelle Grüsse gen Norden) meldete sich bei mir und wies mich darauf hin, daß ich in meinem letzten Eintrag eine Serie vergessen habe:

1994-1997

Picket Fences (1992-1996), created by David E. Kelley

Skurrile und gesellschaftskritische, fast schon satirische Darstellung des US-amerikanischen Kleinstadtlebens.

 

Aber zurück zum Ernst des Lebens.

Nachdem am 22.07.2005 ein Selbstmörder inklusive Kleinflugzeug sein Ende auf dem Rasen vor dem Berliner Reichstag fand, forderte der damals nur designierte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, zum Schutz des Regierungsviertels vor Terrorangriffen Kampfhubschrauber für die Hauptstadt bereit zu stellen.

Nun geschah dies vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes über den Abschuss von Zivilmaschinen, dem ich als Meinungsblog ausdrücklich zustimme – dem Urteil, nicht dem Abschuss. Damit ist das Thema zum Glück erledigt, aber es bleibt eine so abenteuerliche Forderung, daß ich mich als Pazifist mit militärischem Fachwissen immer einmal damit auseinandersetzen wollte. Also los.

Der Innenminister sitzt in seinem neuen Büro, Ende 2005

Hallo, Frau Müller? Geben sie mir doch bitte den Inspekteur der Luftwaffe. Ja, ich warte… Hallo, Herr Inspekteur! Hier der Innenminister. Ich würde gerne den Luftraum überhalb des S-Bahn-Ringes in Berlin schützen, könnten sie mir dafür den einen oder anderen Kampfhubschrauber zur Verfügung stellen?… Wie, für Kampfhubschrauber sind sie nicht zuständig…? Die Kollegen vom Heer, ah ja…. Nein, Jagdflugzeuge brauche ich noch nicht… Ach, bis die aus Niedersachsen oder Bayern in Berlin sind, brennt der Kasten sowieso längst wieder, sagen sie… Interessant. Ja, Wiederhören. legt auf, grummelig zu sich selbst Heer… Hubschrauber… Dabei fliegen die doch… nimmt den Hörer wieder in die Hand Frau Müller? Den Inspekteur Heer, bitte…Danke… Herr Inspekteur, der Innenminister hier. Ich bräuchte da dringend mal Kampfhubschrauber zum Schutz Berlins. eine lange Pause Haben sie mich verstanden…? Ob Panzerangriffe drohen? Keine Ahnung, da müsste ich den Verteidigungsminister fragen. Nee, wegen des Luftraumes. Sie wissen schon, Terrorangriffe mit Flugzeugen… Ein Problem? Was denn für eines…? Keine luftkampftauglichen Kampfhubschrauber? Aha, erst Mitte 2007… Hmm. Sagen sie das bitte nicht der Presse, denen habe ich die Sache schon schmackhaft gemacht. Aber 2007 ist auch okay. Können wir dann welche haben…? Den Verteidigungsminister fragen? Der ist nur für Auslandseinsätze zuständig, da wird das nie was. Ich bekomme schon noch erweiterte Kompetenzen im Antiterrorkampf, Einsatz im Inneren, sie wissen schon. Lassen sie mich das mal machen. Ja, Tegel wäre toll.

Gehen wir jetzt also bitterbösen Ernstes halber mal davon aus, der Innenminister hätter Erfolg gehabt, und begeben uns in den Bereich der Theorie. Dank des Bundesverfassungsgerichtes muss ich mich aber nicht in die Juristerei begeben, von der ich keine Ahnung habe.

Was brauchen wir?

1. Eine Flugzeugentführung. Nun, daß man Waffen an Bord von Flugzeugen schmuggeln kann, haben wir in diesem Blog ja schon erläutert. Um europäisch zu bleiben, wählen wir als potentielle Entführer – G-8-Gegner.

2. Kampfhubschrauber. Nun, die haben wir ja jetzt, und der Stolz europäischer Waffenindustrie, sprich der Eurocopter EC 665 Tiger, ist sogar wirklich luftkampftauglich.

3. Ständige Einsatzbereitschaft. Das wird schon schwieriger. In Berlin gibt es drei Flughäfen, die allesamt höchstens 15 Flugminuten vom Regierungsviertel entfernt sind. Um auf eine entführte Maschine zu reagieren, müssten sich die Hubschrauber zum Zeitpunkt der Entführung in der Luft befinden, also gut 20 Stunden am Tag. Über dem Regierungsviertel. Bewaffnet. Fühlen sie sich schon sicherer?

4. Identifikation als Terrorflieger. Tja. Verraten sie es nicht weiter, aber man könnte ja einen Triebwerksausfall und einen Notlandeversuch vortäuschen… Den internationalen Transpondercode dafür nachschlagen… Aber so clever sind die ja nicht. Hust.

5. Einen Abschussbefehl erhalten. Nun, dafür muss es wahrscheinlich ein Mandat des Bundestages geben, also können wir es vergessen. Also bleibt das wahrscheinlich den armen zwei Leuten im Cockpit überlassen, ob sie aus Notwehr handeln dürfen oder nicht.

6. Ein Treffer. Die FIM-92 Stinger (in ATAS-Ausführung, also eigentlich AIM-92) trifft nach Berichten afghanischer Rebellen ziemlich gut – was auch wünschenswert ist, denn ein fremdgehende Rakete mit einem 3kg-Hochexplosiv-Splitter-Gefechtskopf mitten in einer 3-Millionen-Stadt… Und mein Fenster liegt auch noch Richtung Regierungsviertel. Die theoretische Alternative, es mit 12,7mm-Maschinengewehren oder den zukünftigen 30mm-Maschinenkanonen zu versuchen, nun da gibt es weniger Kollateralschaden pro Fehlschuss, aber wohl auch mehr Fehlschüsse. Also, wir müssen treffen. Was brauchen wir noch?

7. Ein mittleres Wunder. Wir haben jetzt eine Passagiermaschine in der Luft, die nicht nur entführt, sondern auch noch kaputt ist. Was machen Flugzeuge mit diesen beiden Eigenschaften meistens? Richtig, abstürzen. Da haben wir also, weiterhin europäisch bleibend, 77.000 Kilo Airbus A320, frisch nach dem Start gefüllt mit knapp 29.000 Litern Kerosin, trudelnd über der Innenstadt. Aber es ist bestimmt ein regnerischer Wintertag, niemand ist draussen unterwegs, und das Ding stürzt bestimmt zielstrebig in den Tiergarten, ohne dabei allerdings irgendwelche Tiere zu verletzen. Nur zwei Piloten, drei StewardInnen und 179 Passagiere tot. Aber davon waren auch bestimmt zwei bis drei Terroristen.

Da fühlt man sich doch gleich sicherer.

~ von kurushio - 23. Mai 2007.

2 Antworten to “Schäuble und die Kampfhubschrauber”

  1. [...] 24.05.2007 kampfhubschrauber über berlin sind eine tolle idee, hatte ich schon fast vergessen. der fdp-rechtsverdreher hirsch meint, ich [...]

  2. Na, da hattest Du mal Deinen zynischen, oder? Netter Beitrag. Und endlich hab ich den Link zum G8-Yeah-Artikel von Spon.

    alles liebe
    Lia

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