Ruined forever?

Gestern Nacht, 2:16 Uhr. Gleichzeitig – das Jahr 1957, auf einer Welt ähnlich der unseren, nur mit kleineren Kontinenten. Ein Erfahrungsbericht – und ein sehr subjektiver Review.

Zwei sehr angeschlagene Schützenverbände und ein weiterer frisch aus den Fabriken von Kagoshima haben endlich den Pass nördlich von Vienna eingenommen und gehalten. Das osmanische Reich hat nur eine schmale Küstenstraße und ein von Bergen gesäumtes schmales Tal, um diese Stellung zu erreichen, aber es ist seine wichtigste Route nach Vienna, dem Stadtstaat, den es in den letzten dreihundert Jahren bereits dreimal besetzt hat. Unterstützt von einem Kanonenregiment und zwei Zerstörern, die beide Straßen unablässig mit Feuer belegen, hat Japan seinem Verbündeten Stadtstaat endlich ein wenig Luft zum Atmen verschafft.

Battle of Vienna

Es ist meine siebte Partie Civilization V, und meine erste auf Prinz-Schwierigkeitsgrad, dem Standard-keine Boni, keine Mali-Grad. Und es ist verdammt schwer. Mein kleines Japan hatte hier wie im echten Leben keine Nachbarn auf seiner größeren Insel und gerade einmal Raum für fünf Städte. Verwöhnt vom den Kennenlern-Partien auf Siedler-Schwierigkeitsgrad sind diese fünf aufgrund intensiver Landwirtschaft viel zu schnell gewachsen, und das Resultat war große Unzufriedenheit und massiver Geldmangel. Es gab wenig Ruinen, die Boni brachten, keine Stadtstaaten in der Nähe, nur den siamesischen Nachbarstaat auf einer Insel nördlich der Tokio-Meeresenge, der sich genauso zum Underdog entwickelt wie ich. Und jede Menge Barbaren. Mein Anfangskrieger hat keine drei Begegnungen überlebt, mein erster neu gebauter Siedler wurde gefangen genommen. Jedes einzelne Weltwunder, daß ich anfing zu bauen, wurde kurz vor Vollendung von jemand anderem errichtet. (Was wenigstens meine finanzielle Misere ein wenig bekämpfte, aber nicht die dringend gebrauchten freien Technologien oder Sozialpolitiken einbrachte.)

Im Internet toben die Diskussionen, ob Ci.V „dumbed down“ sei im Vergleich zum bisherigen Maß aller Dinge, C.IV.BtS. Selten habe ich ein Spiel so sehr eine Community spalten sehen. (Die stillen Genießer sind im übrigen wie immer in der Überzahl, wenn man sich die meisten Umfragen auf civfanatics ansieht. Aber so ist das im Internet.)

Eine kleine Anmerkung: Ich hatte Ci.V aus Versehen auf Deutsch installiert und habe erst gestern die Sprache umgestellt. (Yay, Steam! Nix mit DVD einlegen.)

Ich bin Civ-Veteran der ersten Stunde. Ich liebte Civ I, vergötterte Civ II, kam mit Civ III nie zurecht, mochte C.IV und liebte C.IV.BtS. Ci.V fange ich an zu vergöttern. Und deswegen das Negative zuerst:

Die KI ist nicht gut darin, Seekrieg zu führen. Mein Befreiungskampf um Vienna gegen einen weit mächtigeren, größeren und fortgeschrittenen Gegner ist nur zweimal gelungen und jetzt endlich auf einem guten Weg, weil ich jede einzelne meiner fünf Fregatten ins Feld geworfen habe, und nur eine davon ist verloren gegangen – durch Stadt- und Artilleriefeuer, nicht durch Seeschlachten. Ich musste alle Truppen über See heranführen, und Suleiman hat nur einen halbherzigen Versuch mit einer Fregatte unternommen, diese aufzuhalten, dann wurde er davon abgelenkt, meine Walfänger zu jagen. In Reichweite einer meiner Städte und zweier Fregatten. Boom, bitch.

Ich vermisse Spione. Nicht Spionage, das System schien mir immer zu aufgepfropft und übermächtig und war prinzipiell das, was ich bei C.IV.BtS deaktivierte. Nein, ich vermisse die Fähigkeit, unerkannt in Feindesland zu erkunden und Nachschublinien zu zerstören. Und nachsehen zu können, welche Sozialpolitiken andere dabei sind, einzuführen. (Bei offenen Grenzen kann man übrigens sehen, welche Wunder im Bau sind – ein nützliches, oft übersehenes Element der neuen Grafikengine.)

Das Diplomatiesystem ist etwas unübersichtlich und manchmal seltsam. Ich vermisse den Blick auf die Vergangenheit und die Beziehungsentwicklung zu anderen Ländern. (Das muss nicht das „+4 wegen Rückkraulen, -2 wegen Kratzen“-System sein, eine Liste vergangener Interaktionen würde mir reichen. Und machmal verhält sich die KI sehr seltsam, etwa, wenn sie Hilfe in einem Krieg fordert, und dann pikiert reagiert, wenn man die ein- oder andere Stadt ausradiert. Aber vielleicht haben sie auch einfach Angst bekommen. Ansonsten mag ich den Wegfall des Technologiehandels und die Einführung der Forschungsabkommen. Beim Kartenhandel bin ich neutral – mochte ich, brauche ich aber nicht. Über den Wegfall des Vassallentums bin ich heilfroh, die wurde man ja nie wieder los…

Zwar verschwinden Einheiten und Verbesserungen im Nebel des Krieges, aber kulturelle Grenzen nicht. Man sieht immer, wohin sich ein Gegner ausdehnt. Das ist mir zu einfach und raubt einem die Überraschung, wenn man sich einen Landungsplatz ausgesucht hatte und dann eine befestigte neue Stadt vorfindet.

Das waren die negativen Seiten. Meine Reaktionen auf die häufigsten Kritikpunkte:

Dumme taktische KI.
Ähem, ich weiß nicht, welches Spiel die Kritiker hier spielen, aber ich habe eine boshafte Ahnung: Sie spielen Ci.V auf Siedler-Schwierigkeitsgrad. Suleiman auf Prinz in meiner mittlerweile hundert Jahre währenden Schlacht um Vienna ist ein kleiner Gott des Feldherrentums. Er flankiert mit Kavallerie, verteilt seine Schützen elegant und außerhalb von Fernangriffsreichweiten, nutzt schamlos die Reichtweite seiner Artillerie aus, schifft seine Verbände ein, um die Seeblockade zu umgehen und geht gnadenlos mit den Beförderungen um, die ihm das ständige Bombardement einbringt. Ja, ich habe gerade einen technologisch fortgeschritteneren Gegner um ca. acht Hexes (Hexe? Was ist der Plural von Hex auf Deutsch?) zurückgeworfen. Das hat mich allerdings eine Fregatte, zwei Kavallerien und etwa neun Samurai gekostet, die gegen Schützen ins Feld zogen, bevor ich endlich Drall entwickelt und Dank der zwei großen Generäle, die mir das ständige Kämpfen einbrachte, zwei goldene Zeitalter und genug Geld für Modernisierungen hatte. Und Hauptgrund für diesen taktischen Sieg ist ein zielstrebiger Marsch auf die Elektrizität gewesen, um aus Fregatten Zerstörer machen zu können.

In diesem Zeitraum hat Suleiman etwa 20 Schützenkompanien, fünf Sipahi, zwei Artilleriebatterien und zwei Fregatten verloren. Das klingt nach einem Gegenargument, war nur möglich, weil sie ständigem Bombardement von See ausgesetzt waren und meine Marineeinheiten irgendwann genug Erfahrung hatten, um eine Reichweitenbeförderung zu erhalten und seinen Rückzugsraum mit Feuer zu belegen, in dem er beschädigte Einheiten verschanzten. Und weil japanische Einheiten immer mit voller Stärke kämpfen, so beschädigt sie auch sein mögen. Derweil ist meine Heimatinsel fast völlig ungeschützt, weil die einzige meiner fünf Städte, die auf Militärproduktion spezialisiert ist, ständig nur Einheiten sofort einschifft und nach Nordwesten schickt. Womit wir beim nächsten Thema sind:

Keine Schieberegler!
Um ehrlich zu sein, hat mich der Mangel an diesem Ur-Civ-Feature am meisten erschreckt, als ich mit Ci.V meiner armen alten Sempron das erste Mal zum Weinen brachte. (Keine Sorge, Kleiner, die GTS übernimmt das für Dich… Hoffe ich.) Aber nach ein paar Partien hatte man sich daran gewöhnt, und ganz ehrlich: Es gibt dem Spiel mehr Tiefe, als es ihm nimmt. Nach ein paar Partien erscheint mir die Steuerrate der vergangenen Civ-Generationen als viel zu willkürliches, gottgleiches Element. Die Schieberegler waren etwas, das man auf maximalem Forschungsniveau hielt, so oft und lange es ging, und zwischendrin an die Unterhaltskosten anpasste. Ganz ehrlich – wer hat nicht versucht, das Verhältnis immer auf „9 Forschung :1 Geld“ oder später auf „8 Forschung: 1Geld : 1 Kultur“ zu halten, bis er bequemer Tech-Leader war? In Ci.V übernehmen Gebäude und Wunder die regulierende Funktion, und das sind Entscheidungen, die nicht zurückgenommen werden können. Es erfordert langfristige Planung des Spielers, ein stabiles Niveau zwischen Kosten, Produktion, Forschung, Zufriedenheit und Kultur zu finden. Kein magisches Regeln der Steuerrate. Und es ist verdammt schwer. Städtespezialisierung ist immens wichtig, zumal die Wartungskosten für Gebäude enorm sind. Städtewachstum ist extrem gefährlich in frühen Phasen, weil es die Unzufriedenheit in die Höhe treibt. Gebäude, die glücklich machen, sind extrem teuer. Es gibt Sozialpolitiken, mit denen man die negativen Auswirkungen bekämpfen kann, aber kulturfördernde Gebäude sind ebenfalls teuer. All diese Dinge erfordern eine strategischen Blick darauf, wie die Dinge sich entwickeln werden, und nicht – wie bei C.IV BtS – darauf, wie sie gerade sind. Es macht aus Ci.V ein lupenreines Strategiespiel. (Um eine billige Analogie zu verwenden: Man kann beim Schach auch nicht willkürlich deklarieren, daß ein Springer jetzt vier Felder weit ziehen kann statt drei (ja, es sind drei), nur, weil der König die Steuerrate angepasst hat. Man muss mit dem arbeiten, was die Figuren können und vor allem damit, wie man sie positioniert.)

Wo sind meine Civics hin? Sozialpolitiken sind doch nichts als ein weiterer Tech-Tree.
Wo sind meine Staatsformen, fragte ich mich, als ich C.IV das erste Mal startete. Weg waren sie, Civ war ruined forever! Aber ich will ehrlich sein, ich weinte ihnen keinen Träne nach, als ich das Civics-System kennenlernte. Es war besser. Das Sozialpolitiken-System von Ci.V ist wieder etwas völlig anderes, und es ist gewöhnungsbedürftig. Genauso wie das Städte-basierte Regulierungsmechanismus ist es auf langfristige Planung angelegt, mit einer gewissen Anpassungsfähigkeit an die aktuellen Umstände – sofern man Glück hat und gerade genug Kultur beisammen hat, wenn man sie braucht. Und genau wie der Regulierungsmechanismus kann man nicht mehr willkürlich wechseln – Sozialpolitiken bleiben. Viele Kritiker haben bemängelt, daß man immer die die gleichen Politiken wählen würde, aber das stimmt nicht – es ist abhängig von der Startposition und der langfristigen Strategie, die man verfolgt. Und von den Fehlern, die man macht – in meiner Prinz-Partie musste ich einmal spontan Frömmigkeit in Betrieb nehmen, um meine Unzufriedenheit nicht weiter in den Keller fallen zu lassen. Alles Folge einer zu frühen Bevölkerungsexplosion. Patronat ist ein mächtiger Zweig, wenn man in genug Stadtstaaten kennt – auf Small Continents- oder Archipelago-Karten ist man mit Wirtschaft bei weitem besser bedient. Unabhängigkeit ist auf leichten Schwierigkeitsgraden zugegebenermaßen uber, aber auf Prinz eher gefährlich. Und so weiter, und so fort. Sozialpolitiken sind kein Tech-Tree, den man versucht, komplett zu vervollständigen, sie sind ein Rollenspielelement. Man wird nie – und kann nie, weil sie sich teilweise gegenseitig aussschließen – alle einführen, und was einem bleibt, ist Charaktergenerierung (nun, Staatscharakter-) mittels Erfahrungspunkten (Kultur-). Die ersten Runden entscheiden, wohin man sich entwickeln will, und welche Eigenschaften man dringend braucht.

Dumme strategische KI.
Ähem, ich weiß nicht, welches Spiel die Kritiker hier spielen, aber vielleicht ist meine Version ja schon heimlich mit einem Beta-Patch versehen. Zumindest auf Prinz können die KI-Spieler, je nach ihren ausgewürfelten Charaktereigenschaften, gnadenlos clevere, manipulative Bastarde sein. (Das grundlegende Verhalten der KI im Spiel wird zu Beginn jeder Partie neu ausgewürfelt.) Es gibt auf civfanatics ein hervorragendes – und sehr heiteres – Let’s Play (http://forums.civfanatics.com/showthread.php?t=380899), das zeigt, wie wenig sich eine weiter entwickelte KI-Civ sich um einen scheren kann, wenn sie schnurstracks auf dem Weg zum Kultursieg ist. Und wie gnadenlos sie andere unterwerfen, wenn sie wollen. In meiner gestrigen Partie hatten Alexander und Suleiman ihren Kontinent leergefegt, während ich noch dabei war, meine Insel von Agrar- auf Handelsstaat umzubauen, und kein Geld für Erkundungen hattte. Manche KI ist sogar annehmbar im Seekrieg, jedenfalls ist mein nördlicher Nachbar gerade mit einer ordentlich eskortierten, klug zusammengestellten Landungsflotte auf dem osmanischen Kontinent eingefallen. (Dummerweise bin ich mir nicht sicher, ob er Vienna haben will oder doch endlich auf meiner Seite in den Krieg zieht.) Nach allem, was ich bisher beobachten konnte, baut die KI klug Weltwunder, ihre Bautrupps sind schlauer als automatisierte Bautrupps auf der Spielerseite, und sie verfolgen alle Siegoptionen, wobei sie die schnellste bevorzugen. Ach ja, wo wir dabei sind:

Es geht nur noch um Krieg – es wird fast nur auf Domination-Victory gespielt.
Wie gesagt, die KI ist mit einem Kultur-, Diplomatie- oder Wissenschaftssieg durchaus zufrieden, und als menschlicher Spieler sollte man sich gut überlegen, ob man sich (früh) auf diese Siegkondition festlegt. Sie ist nicht leichter oder schwerer als die anderen, bis auf den Kultur-Sieg, den ich selbst auf Siedler-Niveau für unglaublich schwer erreichbar befunden habe bis jetzt. Aber ich habe es auch noch nicht darauf angelegt.

Ressourcen sind nichts wert, Geländeverbesserungen bringen zu wenig ein.
In der C.IV BtS Welt würden die Ressourcen und Geländeverbesserungen die Arbeit nicht wert sein, die sie kosten. Das stimmt. Aber die Spielmechanik von Ci.V ist nicht auf derart große Ertragsmengen ausgelegt, und das +1 Nahrung von einem Weizenfeld kann entscheidend zu (zu) schnellem Stadtwachstum beitragen. Ich vermisse ein wenig die wachsenden Dörfer, um ehrlich zu sein, und die unterschiedlichen Hügeltypen. Dafür kosten Straßen jetzt Geld, was ein fingernägelkauendes Abwägen zwischen der schnelleren Fortbewegung, den Erträgen aus dem Handelsweg und den Kosten hervorrufen kann. Bei Eisenbahnen ist es dann die Frage der gesteigerten Produktion vs. der Kosten. Gestern, in meiner Prince-of-Japan-Partie, lies ich mich von einem Spiel auf Siedler-Niveau ein paar Tage vorher dazu hinreißen, alles Grasland mit Bauernhöfen zu pflastern, um große, große Städte zu bekommen. (Meine BtS-Gewohnheit „Gras für Bauernhöfe, Ebenen für Siedlungen“ hat mir dabei ebenfalls nicht geholfen.) Unglückliche Städte mit teueren Unterhaltskosten für Happy Places waren die Folge. Was wiederum zu langsamer Produktion und Kulturmangel führte.

Dude, where’s my religion?
Weg, sagt der Atheist in mir freudig, der damit in- und out-of-game nie viel anfangen konnte. Und der augenrollend feststellt, daß dies wie immer einer der größten Streitpunkte ist. Wer unbedingt welche haben will, kann den Frömmigkeitszweig in den Sozialpolitiken aktivieren. (Dann ist Rationalismus allerdings nicht mehr zu haben. Snicker.) Ganz ehrlich, ich verstehe, daß manche das Element vermissen, aber die meisten ursprünglichen Civ-Veteranen, die ich kenne, konnten damit nie viel anfangen. Mir meine diplomatischen Beziehungen zu vergällen, weil jemand eine bestimmte Technologie zuerst erforscht hat, erschien mir immer ein unfaires, wenig durchdachtes Element, und ich habe mich nie viel damit abgegeben. Es ist einer der Aspekte, wo mir C.IV an der falschen Stelle komplex war. Es war ein zweites Diplomatiesystem, dessen Abwesenheit jetzt von denen kritisiert wird, die das Sozialpolitiken-Element für einen zweiten Tech-Tree halten. Das geht einher mit…

Dude, where’s my city health?
Zusammengefasst mit der Zufriedenheit. Ich mochte das begrenzende Element aus alten Civ-Versionen – keine Stadtgröße über acht ohne Aquädukt etc. – sehr gerne, aber City Health machte C.IV nicht komplexer, weil es kein neues Element war, sondern ein Bastard aus Wachstums- und Zufriedenheitssystem. Es machte es einfach nur komplizierter. Civ ist nicht SimCity, sonst könnte man auch darüber klagen, daß es keinen „wie ist der Wohnraum in den Städten strukturiert“-Zweig gibt (Lehmhütten, Holzhütten, Steinhäuser, Slums oder Häuser oder Wohnungen wäre ein möglicher Gebäudebaum.). Aber auch das wäre nur eine Kopie der Frage, wie gut es einer Stadt eigentlich geht. Diese Frage stellt Ci.V nur einmal, dafür stellt es mehr andere Fragen. Einzelne Städte zählen wieder mehr in Ci.V, vor allem Spezialisierung, aber sie sind organischer Bestandteil der ganzen Zivilisation, nicht einzeln verteilte Problemkinder. Ach ja, Städte:

Die Wunder und Gebäude bringen nichts.
Im gleichen Maße, wie die Geländeverbesserungen und Nahrungsressourcen nichts bringen – nämlich in dem Sinne, daß sie quantitativ schlechter sind als ihre Gegenparts in C.IV BtS. Qualitativ, in der neuen Spielmechanik, sind sie gleichwertig.

Stadtstaaten bieten zu wenig.
Ähem – dafür, daß es vorher nie welche gab, eine interessante Feststellung. Ich muss zugeben, auf höheren Schwierigkeitsgraden muss man sehr abwägen, ob man auf den Patronat-Zweig gehen möchte und ob man es sich leisten kann. Es ist auch sehr davon abhängig, welche Sorte Spiel man spielt. In meiner bisherigen Erfahrung sind maritime Stadtstaaten ziemlich wertlos, kulturelle extrem nützlich und militaristische sind unglaublich gute Verbündete, die einem nahezu das komplette Militär zur Verfügung stellen können – für oft relativ wenig Aufwand, wenn man ihre Missionen erfüllt, statt sie zu bezahlen. Ach ja, Militär und das gefürchtete…

one-uppity. Entschuldigung, one-unit-per-tile oder kurz 1upt und die Einheiten.
Als ich die ersten Screenshots sah, dachte ich – ja, endlich Hexes (Hexen?), Schluß mit dem betrügerischen diagonalen Laufen, das in C.IV mehr schlecht als recht selten, aber immer in den unpassendsten Momenten bestraft wurde. Und dann dachte ich, eine Einheit pro Feld, das funktioniert nie. Und dann dachte ich nach. Und mir fiel wieder ein, daß Kriege mir immer der unrealistischste Aspekt in Civ waren – the bigger stick, um, stack of doom wins. Kein Hauch von Taktik, nur Schere-Stein-Papier, two men enter, one man leaves. (Buffy, nicht Thunderdome.) Und jetzt. Taktik, Taktik, Taktik. Fernbombardierungen, kavalleristische Flankenangriffe, hit-and-run-Angriffe mit berittenen Bogenschützen, Engpässe verteidigen, verwundete Einheiten mit frischen Reserven austauschen – fast ganz nebenbei ist Ci.V eines der besten und realistischsten rundenbasierten Taktikspiele geworden, die ich kenne. Einheiten wachsen einem ans Herz – manch mobile Infanterie ist ein Späher aus altvorderer Zeit, der in einer Ruine bewaffnet und über die Jahrtausende befördert und modernisiert, befördert und modernisiert worden ist, und man braucht nicht mehr riesige stacks of doom, sondern gut ausbalancierte, kleine Armeegruppen am richtigen Fleck. Die Einschiffbarkeit von Landeinheiten macht frühes Erkunden spannend (dank drohender Gefahr) und lohnenswert (dank Ruinen und Lager), und sorgt auch auf See für ein gewisses Maß von Taktik und ein realistisches „zuerst sehen, zuerst treffen“. Wenn die KI einen guten Tag hat. Und nein, auch wenn auf civfanatics viele Zeter und Mordio brüllen, eine Barbarengaleere kann nicht einfach einen eingeschifften Schützen aus dem Wasser bomben. Selbst ein gut beförderter Zerstörer braucht zwei bis drei Runden gegen moderne Einheiten zur See. Es ist nicht die neue Version von spearman beats tank – was sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich geworden ist.
Auch ich bin war wenig pikiert darüber, daß 1upt auch für Zivilisten gilt, und bin es immer noch, was unterschiedliche Typen angeht – Große Persönlichkeiten und Siedler auf einem Feld sollten kein Problem sein. Das man keine Bautrupps mehr zusammen arbeiten lassen kann, hat mich auf einfachen Schwierigkeitsgraden gestört, auf Prinz konnte ich mir ohnehin nicht mehr als einen pro Stadt leisten, und das tat schon der Staatskasse weh.

Der Spielaufbau ist quälend langsam.
Witzigerweise dachte ich das immer über C.IV, weswegen ich so froh über den beschleunigten Start bei BtS war. Ci.V kommt mir schneller vor, wobei ich BtS meistens auf „Episch“ gespielt habe und Ci.V auf Standard spiele, ich bin hier kein berufener Kritiker. Episch ist auf jeden Fall langsamer in der Entwicklung, schneller im Erkunden. Ich muß allerdings zugegeben, daß ich außer im späten Spiel auf See nie irgendeine Einheit automatisiere und alle meine Späher und Bautrupps seit je her manuell steuere. Das ist für mich eines der schönsten Spielelemente aller Civ-Versionen, und es sorgt zu Anfang für mehr Tätigkeit.

Finally, last and least: Steam? It’s the devil!
Die Diskussion darüber gehört nicht wirklich hierher, aber ein paar Worte ist sie mir wert, auch wenn das der subjektivste Punkt von allen ist. Ich kenne Steam seit Half-Life 2, ich glaube, es war seine erste Erscheinungsform. Damals hatte ich eine Zeitlang nur dial-up-Internet, und ich war zuerst schwer frustriert. Aber es stand ja auf der Packung, und es war es wert. Ich kaufe nichts via Steam, und ich weiß, daß es eine DRM-Maßnahme ist, aber es ist eine, die funktioniert, die – im Gegensatz zu ubisofts Debakeln in dieser Richtung, die mir zwei DVD-Laufwerke geschrotet haben, keinen Schaden anrichtet, und die meine Spiele immer auf dem neuesten Stand hält – und gerade letzteres halte ich für einen der größten Segen, die Steam bereitet. Heutzutage ist es problemlos möglich, es nach der Installation offline zu benutzen – das war bei HL2 noch schwieriger, und es bietet in meinen Augen mehr, als es kostet.

Zwei Punkte habe ich noch, um dieses seltsam gestapelte Kritiksandwich abzurunden, nämlich die Punkte, wo sich zumindest viele einig sind, daß es positive Elemente von Ci.V sind:

Kulturelle Grenzen sind kaufbar. Geniestreich. Das computergesteuerte Wachstum ergibt nur in etwa 80 Prozent der Fälle Sinn, aber es realisiert zum Beispiel, wenn man Sümpfe trockenlegt. Das manuelle Zukaufen dringend benötigter Felder wie Luxus- oder strategischen Ressourcen, strategischen Engpässen oder von Naturwundern (meine Lieblings-“nette Idee“ von Ci.V) dagegen ist eine tolle Neuerung, mit der man auch dafür Sorgen kann, daß zu eng aneinanderliegende Städte sich nicht zu sehr in die Quere kommen.

Strategische Ressourcen sind nicht mehr unendlich (C.IV), verschwinden aber auch nicht dann, wenn man sie am Nötigsten braucht, sondern stehen in begrenzter Zahl zur Verfügung. Ich finde das einen tollen Kompromiß, der einem nur dann Ärger machen kann, wenn man eine Fregatte bauen will, Belgrad einem aber dauernd Schwertkämpfer schenkt. Wie in C.IV vermisse ich hier übrigens auch das einzig coole Element, daß Civ III hatte – Kolonien. (Freibeuter gab’s in BtS wenigstens wieder.)

Soweit meine Erfahrung nach ca. 25 Brutto-Stunden Civilization V. Ich glaube ganz ernsthaft, viele C.IV-Veteranen lehnen Ci.V auch deswegen ab, weil ihre alten Strategien nicht mehr gut funktionieren. So ging es mir beim Wechsel von II auf III, das ich nach drei Partien entnervt aufgab, und auch beim Wechsel von II auf C.IV, das mir erst mit BtS wirklich Spaß machte und das lange Zeit brauchte, um mein Herz zu erwärmen. Ich bin nie richtig gut darin geworden. Trotzdem liebe ich BtS, keine Frage. Aber Ci.V ist ein etwas anderes Spiel, das etwas andere Strategien erfordert. Das ist nicht „dumbed down“, in meinen Augen ist das „challenging“, und es verhindert Ermüdungserscheinungen in diesem fast 20 Jahre alten Franchise. Und ich glaube, vielen behagen die Änderungen nicht deswegen nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil es Änderungen sind.

Aber vielleicht liegen meine fast durchweg positiven Erfahrungen einfach daran, daß ich einen widerwilligen Single-Core-Prozessor benutze und der sich einfach nur um die KI kümmert, statt um die Grafik. (Die auch auf niedrigem Niveau die beste ist, die Civ je hervorgebracht hat.) Und bevor jemand fragt: Auf großen Karten mit zehn bis zwölf Zivilisationen und ebenso vielen Stadtstaaten ist es spielbar, wenn auch gegen Ende mit etwa 20-sekündigen Rundenpausen und sich einschleichenden Texturfehlern. Ansonsten gab es nur zwei CtDs, beide waren aber dem Multitasking geschuldet. Und das Kartenladen dauert etwa eine Minute.

Wie geht es mit dem kleinen Japan weiter? Das Spiel ist, da bin ich mir ziemlich sicher, nicht mehr zu gewinnen. Vielleicht, mit viel Glück und taktischem Geschick, kann ich Suleiman bezwingen, aber Alexander ist ein noch mächtiger Monolith, weit weg, und mit einem gehörigen Technologievorsprung. Es gibt kaum noch Stadtstaaten, mit denen ich mich verbünden könnte, und meine Mit-Underdogs können das absehbare Ende wahrscheinlich nur als Türschwellenländer hinauszögern. Aber man weiß ja nie, also: One. More. Turn.

~ von kurushio am 15. Oktober 2010.

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