Zweisam

Mein Eröffnungstext bei meinem gestrigen Auftritt beim Dichtungsring, der Lesebühne von Arno Wilhelm im Laika. Die anderen beiden größeren Textbeiträge meinerseits sind in Leseform eher anstrengend (Essenz) oder noch nicht ganz ausgreift (Flucht), deswegen werden sie entweder auf Video (Essenz) oder nach Bearbeitung (Flucht) veröffentlicht.

Update: Das Video zu Zweisam gibt es jetzt hier.

Zweisam

1. Du

Laß mich dein „vielleicht“ sein.
Dein Zweifel, wenn Du mit dir eins bist,
dein „es könnte auch anders sein“,
oder, anders ausgedrückt,
laß mich das „andererseits“
für dein „einerseits“ sein.

Laß mich dein „oder“ sein,
bevor dir ein „entweder“ eingefallen ist,
oder dein „weder noch“,
wenn du an beidem Gefallen gefunden hast.
Dein „doch“, wenn du „nein“ sagst,
und dein „ja“, wenn du „nein“ meinst.

Laß mich deine Antworten in Frage und
dein Licht unter einen Scheffel stellen.
Besser noch, laß mich der Scheffel selbst sein,
wenn du einen lichten Moment hast,
und ich werde dich dafür ins Rampenlicht stellen
wenn du einen eher schlichten Moment hast.

2. Ich

Früher mochte ich dich einmal.
Früher habe ich dich vielleicht sogar geliebt.
Du warst das „Moment mal“, wenn ich zu sehr in Fahrt war,
und wenn ich vor Furcht erstarrt war, warst du erst recht da,
dann hast du mir Mut zu- und das Blaue vom Himmel herunterversprochen,
und ich, ich habe dir geglaubt.

Früher mochte ich dich einmal.
Da wusstest du, in welchem Moment du nicht gefragt warst
und wann du die richtige Frage im rechten Moment
oder die Antwort, die sonst keiner erkennt, warst.
Da hast du mir dann Sicherheit ge- und meine Fehler vergeben,
und ich, ich habe dir vertraut.

Früher habe ich dich vielleicht sogar geliebt.
Da konntest du mich auf Auswege hinweisen, wenn ich fest- oder verfahren war
mich ausweisen, wenn ich auf verbotenen Wegen unterwegs war,
und mir Grenzen aufzeigen, von denen du dann aber meistens behauptet hast,
ich könnte an ihnen und ein Stückchen über sie hinaus wachsen.
Und ja, ich habe dich geliebt.

3. Wir

Wir sind beide gewachsen, du und ich.
Und wir sind aneinander gewachsen, du und ich. Ich an dir, du an mir.
Aber wir sind nicht aufeinander zu gewachsen, wir sind nicht zusammen gewachsen,
wir haben stattdessen voneinander gezehrt und haben uns gegenseitig verkrüppelt
und wenn wir so weiter machen wie bisher, dann werden wir vor allem nie erwachsen.

Wir haben viel miteinander geredet, du und ich.
Und es ist Zeit, daß wir damit aufhören. Wir haben so viel miteinander geredet,
daß ich die Hälfte der Zeit nicht einmal mehr weiß, wer von uns beiden gerade spricht.
Du hast keine eigene Stimme mehr, du hast dir meine zu eigen gemacht,
und das so lange, daß ich meine eigene kaum noch erkenne.

Wir haben viel voneinander gelernt, du und ich.
Und es ist Zeit, zu lernen, wann Schluß ist.
Ich weiß nicht, ob ich gelernt habe, ohne dich zurecht zu kommen,
aber ich habe gelernt, daß ich mit dir nichts mehr anzufangen weiß.
Ich habe gelernt, daß ich mit dir kein Ende finde.
Und ich habe gelernt, daß ich meinen Weg nicht gehen kann,
wenn ich dir ständig aus dem Weg gehen muss.

Wir haben zusammen gelebt, du und ich.
Und es ist Zeit, daß du gehst.

~ von kurushio am 9. Februar 2011.

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