Essenz

Zum Erscheinen des zweiten Dichtungsring-Videos hier auf mehrfachen Wunsch der dazugehörige Text, hauptsächlich, weil ich mich selber kaum verstehe. (Woraus wir lernen, das der nervositätssenkende Effekt von Bier ab einem gewissen Zeitpunkt auch negative Konsequenzen hat. Vor allem, wenn man kurz vorher auf kleine technische Mängel im Vortrag hingewiesen worden ist.) Als Bonus sind sämtliche Verweise auf andere Texte verlinkt, sofern sie hier verfügbar sind, sprich, es gibt Hypertext in einem Metatext.

Essenz

Ich lese diese Zeilen wieder und wieder.
Lese Gedichte und Reime und Lieder
von großen Gefühlen und manchmal auch von niederen Trieben
von hehren Motiven und noch hehreren Zielen

und ich bin sie manchmal alle satt.
Bin schon jetzt die ersten vier Zeilen dieses Textes satt.
Unreine Reime auf dem Altar des Taktes.
Gleichklänge und solche, die sich dafür halten, inmitten von
Aufzählungen und Steigerungen und willkürlichen
Zeilenumbrüchen.

Ich schrieb solche Zeilen wieder und wieder.
Epischer Pathos erwürgt von selbstherrlicher Finesse, gewürzt mit
der Offenbarung des Johannes
Spieltheorie
katholischen Beichtstühlen
Gargylen, Hades, Athene, dem Garten Eden, Platon
der Ursünde (und anscheinend einen englischen Thesaurus)
echten und erfunden japanischen Vokabeln
wurzelechten Rosensorten
billigen Gegensatzpaaren
chinesischen Wandlungsphasen
Kaffee
Meereströmungen
der Menschenrechtserklärung, dem Koran, den Upanishaden, dem Dao De Jing, Miyamoto Musashi und dem Johannesevangelium
multipler Persönlichkeitsstörung
Astrologie
Tarot
Spieltheorie
nochmal Tarot
Edelsteinen
McDonalds
nochmal Hades
der Waffensachkunde
Und immer, immer, immer der Liebe.

Aber natürlich nicht der „Es ist was sie ist“-Liebe.
Wie Faust war mir nicht das Wort, sondern die Tat,
- und damit habe ich gleich auf zwei Dichter verwiesen, die ich nicht mag -
nein, meine Liebe ist nicht, was sie ist, sie ist, was sie muß.
Ein schweigendes Wort, ein gedachter Kuss
Ein Blick in die Ferne, ein reißender Fluss
Ein Anfang. Ein Ende. Ein Weg. Kein Entschluss.
Und damit ist sie ein bißchen wie ich.

Denn ich schreibe auch nicht, was ich bin, sondern was ich muß, und entschließen kann ich mich sowieso zu nichts, und wenn ich über mich schreibe, dann muß ich alles sein: Vergleich, Metapher, Prosopopoiia, und was sich sonst noch alles im „Deutschen Wortschatz nach Sachgruppen“, Dornseiff, achte Auflage unter Punkt 12.36, „bildlicher Ausdruck“ finden lässt.

Da ist man dann Fährmann, Wasserspeier, Gefährte, Befreier, Verführer, Getreuer, damit bloß niemand merkt, daß hinter dem eingebildeten Mistkerl gerne eigentlich einfach nur ein gebildeter kleiner Junge mit Brille an der Kasse abgeholt werden möchte.

Bevorzugt mit Liebe.

Und das sagt sich dann so leicht. Das kann die Serviceperson an der Kasse oder ich hier auf der Bühne ganz einfach ins Mikrophon sagen, irgendwann zwischen der Werbung und der Unterhaltungsmusik.

Aber das geht natürlich trotzdem nicht. Da bin ich dann doch nicht wie die Liebe, sondern wie die Lyrik, und dann will ich auch bitte entschlüsselt werden.

Also verstecke ich überall Andeutungen und kleine Hinweise und das eine oder andere Akrostichon und einen subtilen Scherz in Vers elf, den man nur versteht, wenn man erstens Umberto Ecos Gesamtwerk gelesen und zweitens alle Staffeln von „Buffy – im Bann der Dämonen“ gesehen hat. Auf englisch.

Nur manchmal frage ich mich, warum. Wem will ich hier eigentlich was verkaufen? Und wie erfolgreich ist der Versuch? Froschschenkel zu essen versteht auch keiner, und wenn man es trotzdem tut, stellt man fest, daß ein Bissen Fleisch, der halb nach Hühnchen und halb nach Hering schmeckt, das Geld irgendwie nicht wert war. Ungefähr so wie das:

Von Dichtung und Wahrheit erzählten unsere Blicke
danach. Wir wenden sie und uns voneinander ab
und waschen schweigend das Laken in Unschuld.

Sehr bildhaft. Aber erstens, unschuldig bin ich schon lange nicht mehr, also wird das Laken auch nicht sauber. Zweitens, die Wahrheit erzählen weder ich noch meine Blicke sonderlich oft.

Und was drittens die Dichtung angeht:
Wenn es dann einmal, ein einziges Mal wirklich darauf ankäme
so zu schreiben, wie ich es sonst immer tue
schreibe ich einen prosaischen Text
für eine Lyriklesebühne.

~ von kurushio am 28. Februar 2011.

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