Mare II – Beschwörungen
Erhebe dich, oh Geist der Nacht!
Folg meinem Ruf, sei du nun ein
Ergebner Sklave meiner Macht
Ich werde – vielleicht – dankbar sein.
Wer bist du, meinen Schlaf zu stören?
Wird deinesgleichen niemals klug?
Uns aus den Schatten zu beschwören
Ist falsche Hoffnung, Selbstbetrug.
Du bist es, Bestie, die betrügt
Sich aus der Pflicht zu winden sucht
Die listenreich und kundig lügt
Dienst du mir nicht, so sei verflucht!
Ganz ohne Furcht sehe ich dich
Auch fehlt es dir an Worten nicht
Doch fürchten lernen wirst du mich
Wenn deine Welt an mir zerbricht!
Müssen wir mit Worten drohen?
Nackt steh ich vor dir, Kreatur,
Wo andere stets zitternd flohen
Erhofft ich deine Freundschaft nur.
Wähl deine Worte mit Bedacht!
Um einen Schatten treu zu finden
Zeig Erfurcht vor all seiner Pracht
Statt ihn in deinen Dienst zu binden.
So sei es dir nun frei, zu gehen,
Doch bitte ich dich, hör mich an!
Muss ich denn erst auf Knien flehen?
Was gibt es, das ich tun kann?
Das hast du nun bereits vollbracht –
Du stelltest es mir frei zu gehen
Dies hat noch nie jemand erdacht.
Erhebe dich, ich will dich sehen.
Nun seh ich deinen Augen, Schatten
Schau, ob ich List in ihnen fände
Doch nein. So leg ich diesen matten
Geist fortan in deine Hände.
Ich wollte keinen Meister, Mächt’ge,
Und will darum auch keiner sein
Würd gerne mit dir wandern, Prächt’ge,
Doch Hand in Hand – du bist nicht mein.
Nicht mehr als du mir mein, anscheinend
So sein wir unser
Jetzt und hier -
Gemeinsam diese Welt beweinend
Oder belächelnd –
immer wir.
13.01.2005

